| Das Schöne am Recht: Alle sabbeln mit |
| geschrieben am 1. Juni 2010 in der Kategorie Aktuelles, Medien, Rechtliches, Web 2.0 |
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Das Schöne am Recht zeigt sich heute wieder einmal besonders in der Debatte zum Gäfgen-Urteil des EGMR im lawblog: So gut wie niemand würde auf die Idee kommen, z.B. in einem naturwissenschaftlichen Blog als Laie die herrschende Lehren der Quantenphysik zu bezweifeln. Auch über die Gehirnchirurgie, die Systemtheorie nach Luhmann oder die Übersetzung der Qumran-Rollen aus dem Hebräischen gibt es vergleichsweise wenig öffentliche Streitigkeiten. In unserer Disziplin ist das anders: Kaum wird ein Gesetz oder ein Urteil veröffentlicht, das der Bild-Zeitung / dem “gesunden Menschenverstand” / dem “gesunden Volksempfinden” oder ähnlich relevanten Auslegungsmaßstäben widerspricht, ist die Aufregung groß und die Kommentare quellen über. Meinen ehrlichen Respekt hat der Kollege Udo Vetter, der es in seinem Blog immer wieder schafft, diesen ganz besonderen Nerv zu treffen und damit erfolgreich Leser (und Kommentatoren) zu binden. Das Lesen der Kommentare ist dagegen oft keine Freude: Da wird mit den absurdesten Theorien gearbeitet und jedes Mal der Vergleich mit dem armen Steuerzahler / Parksünder / Ottonormalverbraucher gezogen, und sei er noch so unpassend. Am Schluss sind sowieso alle Nazis, und die eine Hälfte der Diskutanten ist beleidigt, während der andere Teil jetzt aber ganz doll wirklich dringend und unbedingt mal auswandern will (sobald es geht / wieder Geld in der Kasse ist / die Sonne scheint usw.). Das Auswandern bereitet allerdings oft Probleme, weil ja sowieso die EU an allem Schuld ist, die aber mangels Einwilligung des noch bestehenden Deutschen Reiches nach Ansicht einiger Diskutanten derzeit handlungsunfähig ist. Ach, das ist doch wirklich zu schön. Wer will da noch über Quantenphysik diskutieren? 8 Kommentare zu “Das Schöne am Recht: Alle sabbeln mit”Hinterlasse eine Antwort |




Och, über den Inhalt von Gesetzestexten sabbelt wohl kaum einer.
Aber über das Recht im Allgemeinen, die Religion und die Gesundheit sprechen doch alle ganz munter, wie mir scheint . Soll heißen, schau dich mal in der Forenwelt um, da wirst du schnell merken, dass der gemeine Laie vor gar nix halt macht.
Das Design deines Weblogs finde ich übrigens äußerst gelungen. Schön schlicht und übersichtlich.
Hey, die Erde ist doch eine Scheibe!
Diagnose: Horizontverengung.
Wenn die Menschen übe das Recht diskutieren, dann nehmen sie in einem demokratischen Rechtsstaat am Gemeinwesen teil. Das, lieber Autor, nennt man Politik im besten Sinne.
Man trifft übrigens auch öfters mal Rechtsanwälte in Gerichtssälen, die mit Sachverständigen über deren Themen streiten, ohne auch nur die blasseste Ahnung vom Thema zu haben, geschweige denn sachverständig zu sein und es gelingt den guten sogar, die Richter zu überzeugen, dass der SV einen Fehler gemacht hat.
Das Recht – und insbesondere die Gerechtigkeit- ist zu kostbar, um sie Juristen zu überlassen.
@ Sara
Stimmt, hinsichtlich der Religion reden auch alle mit. Auf ähnlichem Niveau wie im Recht.
Glücklicherweise (oder leider) sind wir alle ja auf fast allen Gebieten Laien. Und nicht dass ich falsch verstanden werde: es ist ja gut und richtig, dass die Rechtsunterworfenen, die wir nun mal alle sind, sich darüber unterhalten. Die öffentliche Diskussion ist schließlich ein urdemokratischer Prozess. Eine gewisse – nennen wir sie mal volkstümliche – Herangehensweise an ernsthafte Probleme verwundert mich dann allerdings doch immer wieder. Da wird z.B. mit einem Federstrich das Folterverbot weggewischt, mit Null-Argumenten wie “Denkt doch nur an die armen Kinder” oder “Es trifft schon die Richtigen, die Polizei weiß schon, was sie tut” – das macht mir Sorgen.
@ Marcus
Hoffentlich falle ich heute abend nicht herunter!
@ Matthias
In meinem vorigen Kommentar ist dazu wohl alles gesagt. Nichts gegen den Diskurs – dann aber bitte auf diskursivem Niveau.
Hmm, wenn ich Ihrer Argumentation folge, bedeutet das ja, dass ich nur mitreden/diskutieren/bloggen/wasauchimmer darf, wenn ich vorher ein Jurastudium erfolgreich absolviert habe und als RA zugelassen bin. Nur dies versetzt mich in die Lage, “auf dem gewünschten Niveau” gleichzuziehen.
Fakt ist nun einmal: Rechtsausübung (von wem auch immer) betrifft die Menschen unmittelbar. Viel mehr als die neusten quantenphysikalischen Erkenntnisse.
Insofern kann ich es vollumfänglich nachvollziehen, dass der einfache Bürger bestimmte Entscheidungen und Verhaltensweisen des rechtsberatenden Gewerbes einfach nicht nachvollziehen kann (z.B. die Tatsache, dass seitens der Gerichte sowie der Anwälte die rechtlichen Interessen von Verbrechern regelmäßig denen ihrer Opfer vorgezogen werden).
Hierzu trägt m.E. auch der von Ihnen so geschätzte Kollege U.V. bei, der den frustrierten Obrigkeitshassern eine exzellenten Plattform für Polizisten- bzw. Staatsanwaltsbashing bietet.
Mancher traut der Polizei nun einmal eher die Bewahrung des Rechtsstaatsprinzips zu als Ihrem Anwalts-Metier.
Anwälte sind nun einmal keine unabhängigen Organe der Rechtspflege sondern parteiliche Interessenvertreter. Und wer die Interessen von Kriminellen vertritt, sollte sich über eine gewisse Geringschätzung / Unverständnis nun einmal nicht wundern…
@ Georg:
“(z.B. die Tatsache, dass seitens der Gerichte sowie der Anwälte die rechtlichen Interessen von Verbrechern regelmäßig denen ihrer Opfer vorgezogen werden).”
Mann-o-Mann… Befassen Sie sich doch zur Abwechslung mal mit den Realitäten und nicht nur mit Ihren Vorurteilen.
“Hierzu trägt m.E. auch der von Ihnen so geschätzte Kollege U.V. bei, der den frustrierten Obrigkeitshassern eine exzellenten Plattform für Polizisten- bzw. Staatsanwaltsbashing bietet.”
Es disqualifiziert sich eben jeder, so gut er kann.
“Anwälte sind nun einmal keine unabhängigen Organe der Rechtspflege sondern parteiliche Interessenvertreter.”
Sie sind beides. Und das ist auch gut so.
“Und wer die Interessen von Kriminellen vertritt, sollte sich über eine gewisse Geringschätzung / Unverständnis nun einmal nicht wundern…”
Das Problem an Stammtischbrüdern wie Ihnen ist der Glaube, immer ganz genau zu wissen, wer der Böse ist, verbunden mit der Gewissheit, niemals dazuzugehören.
Ich will gar nicht davon anfangen, dass man auch als Unbeteiligter an irgendeiner Tat verdächtigt werden kann. Aber: Wenn Sie Autofahrer sind, kann Sie ein Ermittlungsverfahren (Straßenverkehrsgefährdung, fahrlässige Körperverletzung; wenn es dumm läuft gar fahrlässige Tötung) schneller als gedacht ereilen; von angeblichen “Kavaliersdelikten” in anderen Bereichen (Steuerhinterziehung) mal ganz abgesehen. Und dann sind erfahrungsgemäß die Leute, die sich vorher das Maul über die angeblich lasche Justiz verrissen haben, die ersten, die den Schwanz einziehen.
Och, manchmal hilft es auch, dreist zu sein…
gestern erst stand da einer ne Viertelstunde vor der Apotheke, mit laufendem Motor. Als ich wieder rauskam, hab ich ihm erzählt, das könne ihn 50’000 Euro kosten. Hat gewirkt.
Ob es ein Umweltgesetz gibt, das in Frankreich derart drastische Strafen vorsieht, weiß ich nicht (ich glaube, in Deutschland gibt es das), der Code de la Route, die französische Verkehrsordnung, ein ähnlich aufgeblähtes Gebilde wie Giscards Verfassungsentwurf, sieht nur vor: “man darf nicht unnötig Lärm und Abgase produzieren”, und belegt die Zuwiderhandlung mit einem Strafgeld von 45 Euro – wenn man nicht binnen drei Tagen zahlt, werden’s 75, glaub ich, jedenfalls deutlich teurer. Aber kein Vergleich zu fünfzig Mille.
Zum Mitreden, ohne Ahnung zu haben, erinnere ich mich an eine sonst recht liebe Person, die nach der Lektüre von Dan Browns Da Vinci Code meinte, mir neutestamentliche Theologie erklären zu müssen.